Buchbesprechung Viva la Vagina

Veröffentlicht von admin am

Frau, die mit ihren Händen um ihren Bauchnabel ein Herz formt. Im Nabel sitzt die Blüte eines Gänseblümchens

Viva la Vagina von Nina Brochmann und Ellen Stokken Dahl

Die zwei norwegischen Autorinnen haben als Medizinstudentinnen 2015 einen Blog begonnen, den sie Unterlivet (Unterleib) nannten. Er fand so großen Anklang und es wurden so viele Fragen gestellt zu Themen, die sie als Basiswissen voraussetzten, dass sie beschlossen, ein Buch zu schreiben. Dieses soll die Mysterien rund um den weiblichen Unterleib pragmatisch benennen und in verständlicher Sprache aufklären.

Viva la Vagina räumt ersteinmal mit den Begrifflichkeiten zur Bezeichnung des weiblichen Geschlechts auf, denn das, was wir außen sehen ist die Vulva, die Vagina ist der innere Schlauch, den wir in Deutschland auch als Scheide bezeichnen. Das Buch behandelt aber jedes Detail zwischen Anus und Eierstöcken und behält auch das große Ganze im Blick.

Ich persönlich bin sehr dankbar, dass die lateinische Bezeichnung Pudis plicitus außen vor bleibt, denn die deutsche Sprache hat daraus einen Bereich des Schams abgeleitet. Und unserer wunderschönen und so empfindsamen Venushügel und großer und kleiner Lippen sollte man sich keinesfalls schämen!

Der innere und äußere Bereich des weiblichen Geschlechts wird von den Autorinnen ausführlich behandelt und auch mit allerlei Mythen aufgeräumt.

Die Sprache ist salopp bis wertschätzend: “wie wir sehen, wurden viele Aspekte der Klitoris im Biologieunterricht nie durchgenommen. Das stolze Organ wurde viel zu  lange übersehen, geringgeschätzt und versteckt. Erst wenn man weiß, wie viel Raum die Klitoris im Körper einnimmt, und wie sie alle Teile des Genitalbereichs umschließt, versteht man, mit was für einem fantastischen Lustapparat wir ausgestattet sind .” (ibid. 25)

Das Jungfernhäutchen und die damit verbundenen teilweise sehr obskuren Ansichten über dessen Funktion als “Keuschheitssiegel” werden ausführlich behandelt, ebenso wie die Tatsache, was uns denn als Mann/ Frau/Trans-oder Cisgender ausmacht, nämlich die drei Komponenten biologisches, psychologisches und genetisches Geschlecht.

Weiter geht es mit diversen Körperflüssigkeiten und welche Menge und Konsistenz auf was für eine Ursache zurückzuführen sind. Wie so oft ist die “Norm” eine sehr individuelle.

Auch der Abbau der unbenisteten Gebärmutterschleimhaut, den Frauen im gebärfähigen Alter als Menstruation kennen, wird beleuchtet. “Die Menstruation ist weder unhygienisch noch gefährlich. Sie besteht aus Blut und Schleim und wie man damit umgeht, entscheidet jede Frau selbst.”

Sehr humorvoll wird auf das “potentielle Mordsyndrom” eingegangen – gemeint ist natürlich PMS, das Prä-Menstruelle Syndrom” und warum wir Frauen VOR den Tagen viel gefährlicher sind als während der Blutung selbst.

“ Und wer schon so ein Idiot sein will, Frauen mit einem Kommentar zum Menstruationszyklus einen reinzudrücken, sollte nicht fragen ‘hast du deine Tage oder was?’ Korrekt hieße es: ‘bekommst du bald deine Tage, oder was?’ Das klingt zwar nicht ganz so gut, aber will man andere beleidigen, sollte die physiologische Grundlage schon stimmen.”

Die rapide ansteigende Lustlosigkeit der Frauen in der heutigen westlichen Gesellschaft wird auch zur Sprache gebracht:

Die Lust der Frauen sitzt vor allem im Kopf. Es reicht einfach nicht aus, dass ein attraktives Wesen in ihrem Bett liegt oder dass sie feucht wird und alles anschwillt wie bei Männern. Wir brauchen mehr. Unser Gehirn braucht Stimulation, nicht nur unsere Muschi.” (ibid. 123) Natürlich bleibt auch eine meiner Favoritinnen zu dem Thema, Emily Nagoski, nicht unerwähnt mit ihrem Gas/Bremse Prinzip, das weibliche Lust/Unlust so plausibel macht.

Das andere Ende der Fahnenstange, nämlich “THE BIG O” folgt auf dem Fuße. Wobei auch hier “die Kirche im Dorf” gelassen wird und der Orgasmus nicht als Nonplusultra gefeiert wird, sondern auch verdeutlicht, dass Wissenschaftler neuerdings den weiblichen  Orgasmus als “plötzliche unfreiwillige Entladung sexueller Spannung” einordnen, da er auch im Schlaf oder unter Schmerzen bzw bei Übergriffen geschehen kann.

Trotzdem bekommt er natürlich auch den grandiosen Lustaspekt zugesprochen, der er einfach sein kann und sollte und es gibt sogar eine kleine Orgasmusbibel, welche die idealen Umstände fürs “kommen” nahelegt.

Das  Buch bleibt beim Sex und es werden sehr ausführlich die gängigsten Verhütungsmethoden beschrieben und ihre Anwendung sowie- wenn sie hormoneller Natur sind- deren Wirkweise und Nebenwirkungen. Auch das kontrovers diskutierte Subjekt Schwangerschaftsabbruch kommt auf den Tisch.

Die Autorinnen von Viva la Vagina haben wirklich einen Rundumschlag getan, denn nun kommen die Themen zur Sprache, die man normalerweise an der Kaffeetafel nicht anspricht. Geschlechtskrankheiten und ihre Symptome zählen wohl dazu, immer mit einem Fingerzeig der Autorinnen, wann ärztliche Hilfe erforderlich ist und wie diese normalerweise aussieht.

Blasenschwäche wird danach feinfühlig wie auch pragmatisch angegangen sowie das gesellschaftlich viel zu wenig besprochene  und oft falsch gedeutete Thema Fehlgeburten.

Der Bogen wird weiter gespannt zum “idealen” Zeitpunkt von Schwangerschaften und was mit einer späten Schwangerschaft einhergeht.

Erschütternd sind die Berichte über Genitalverstümmelungen, wie sie noch viel zu häufig auf dieser Welt durchgeführt werden und den massiven Risiken, die damit verbunden sind.

Umso trauriger, dass “freiwilliges Verstümmeln” bzw plastische Chirurgie auch zunimmt, weil einem der Geschlechtsbereich in irgendeiner Weise nicht ideal genug erscheint. Auch hier warnen die Autorinnen vor mehr Schaden als Nutzen und den Risiken, die jeder chirurgischer Eingriff beinhaltet.

In unserem sexualisierten Alltag vergisst man leicht, dass unser Körper mehr ist als nur Äußerlichkeiten und Leistung und dass es bei nackten Körpern nicht automatisch um Sex geht. Der eigene Selbstwert wird schnell davon abhängig gemacht was man im Bett alles hinbekommt und wie man aussieht. Was uns zu fehlen scheint, wird oft zum alles überschattenden Problem.”

Das Buch Viva la Vagina enthält ausführliche Querverweise, welche in der Bibliographie nachzuvollziehen sind, sowie zahlreiche Fußnoten.

Mir gefällt die unprätentiöse und verständliche Sprache einerseits und die medizinische Ausführlichkeit andererseits. Über reine Kurzweil geht es definitiv hinaus. Wer also wirklich Bescheid wissen will über die Vorgänge im weiblichen Sexualorgan, der hat in Viva la Vagina einen Almanach, den man immer wieder zu Rate ziehen kann.